Wissenschaftsphilosophische Fragen zum Rechnen in heutiger Zeit "Zum Wandel der Wissenschaft im Zeitalter des Computers"

Society & HLRS
Wissenschaftsphilosophische Fragen zum Rechnen in heutiger Zeit "Zum Wandel der Wissenschaft im Zeitalter des Computers"

Frau Gabriele Gramelsberger / Freie Universität Berlin

Seit Immanuel Kant’s Kritik der reinen Vernunft (1787) ist die Wissenschaftsphilosophie vom Umkehrverhältnis von wissenschaftlicher Vernunft und Realität, das Kant als ‚Kopernikanische Revolution der Denkart‘ bezeichnete, fasziniert. In der Einleitung der KrV schreibt Kant, dass die Forscher "die Natur nötigen müssen auf ihre Fragen zu antworten ...“ (Kant 1993: B XIII). Diese ‚Nötigung‘ – die mit der neuzeitlichen Wissenschaft basierend auf Experimenten und mathematisierter Theoriegesetzlichkeit ihren Anfang nimmt – hat sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem subtilen, technisch-mathematischen Realismus der Wissenschaft entwickelt. Dabei rationalisiert die Mathematik keine Dinge, sondern Begriffe (z.B. der Kraft, Materie, etc.), indem sie diese auf eigene Weise – als Annäherung von experimentellem und mathematischem Beweis – objektiviert. Beide Beweisformen konvergieren zu Beginn des 20. Jahrhundert und etablieren die Realisierungstechniken der modernen Wissenschaft. Voraussetzung ist der Siegeszug der Zahl, der die Transformation von Raumbegriffe in Zahlenbegriffe und damit die Ablösung anschaulicher Konzepte, aber auch des Endlichen durch das Unendliche (Infinitesimalkalkül) zur Folge hat. Denn diese Transformation der Raumbegriffe in Zahlenbegriffe erst eröffnet die gesamte Mannigfaltigkeiten des mathematischen Möglichkeitsraums.

Zur vollen Entfaltung und Erforschung der gesamten Mannigfaltigkeit des mathematischen Möglichkeitsraums bedarf es allerdings des Computers. Der Computer erlaubt es, den technisch-mathematischen Realismus der Wissenschaft weiterzuentwickeln. In dieser Entwicklung nimmt die Computersimulation resp. das Rechnen eine neue Position ein – so die These des Vortrags -, indem das Rechnen nicht nur zur Rationalisierung wissenschaftlicher Begriffe eingesetzt wird, sondern den neuen Spielraum zur Modifikation (Optimierung, Diversifizierung) seiner rationalen Gebilde nutzt, die dann in die Welt entlassen werden. Der technisch-mathematische Realismus gewinnt dadurch eine neue Materialität, die das klassische, an der Physik orientierte Ideal der mathematisierten Theorie und (Mess)- Experimente überschreitet und die Natur nicht nur zu Antworten nötigt, sondern sie grundlegend umgestaltet. Wissenschaft wird zur Technowissenschaft. Beispiele wären hier die Gentechnologie und ihre Entwicklung zur Synthetischen Biologie, aber auch die Synthetische Chemie. Vor diesem Hintergrund ergeben sich verschiedene wissenschaftsphilosophische Fragen zum Rechnen in heutiger Zeit, die zur Diskussion gestellt werden.

Literatur:

Bachelard, Gaston (1988): Der neue wissenschaftliche Geist 1934, Suhrkamp: Frankfurt.

Bachelard, Gaston (1974): Epistemologie, Suhrkamp: Frankfurt.

Cassirer, Ernst (1910): Substanzbegriff und Funktionsbegriff, Verlag Bruno Cassirer: Berlin.

Gramelsberger, Gabriele (2010): Computerexperimente. Zum Wandel der Wissenschaft im Zeitalter des Computers, Transcript: Bielefeld.

Gramelsberger, Gabriele (Hrsg. 2011): From Science to Computational Sciences. Studies in the History of Computing and its Influence on Today’s Sciences, diaphanes: Zurich/Berlin.

Husserl, Edmund (1996): Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Vortrag 1935, Meiner: Hamburg.

Kant, Immanuel (1993): Kritik der reinen Vernunft 1787, Meiner: Hamburg.

Nordmann, Alfred: “Collapse of Distance: Epistemic Strategies of Science and Technoscience”, in: Danish Yearbook of Philosophy, 41, 2006: 7-34.