Von Dächern und Rechnern: Wie der erste Supercomputer nach Stuttgart kam und was man alles damit machen konnte.

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Von Dächern und Rechnern: Wie der erste Supercomputer nach Stuttgart kam und was man alles damit machen konnte.

Wolfgang Brand / Universität Stuttgart

Wer den Begriff Technikgeschichte hört, denkt häufig an trockene Zahlen, Daten und Fakten, verrostete, verstaubte Maschinen in Museen und Männer in steifen Gehröcken auf alten, vergilbten Schwarzweißphotos. Doch auch die Geschichte des Computers zuhört zur Technikgeschichte. Die ersten Anfänge der elektromechanischen Rechenmaschinen in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts bildeten nur die Overtüre für eine stürmische Entwicklung, bei der das Ende noch lange nicht absehbar ist. Unsere heutige Welt ist überall von elektronischen Rechnern durchdrungen und die Technik hat eine Vielzahl der unterschiedlichsten Varianten davon hervorgebracht: Von kleinsten Computern, die in alle möglichen technischen Gerätschaften eingebaut sind, bis hin zu Höchstleistungsrechnern, die eigene Gebäude benötigen, soviel Energie verbrauchen wie ganze Straßenzüge und die technologische Speerspitze dieser ganzen Entwicklung darstellen.

Geschichte - und damit auch Technik- und Wissenschaftsgeschichte - bedeutet aber auch Geschichten zu erzählen, Zeugnis abzulegen über Entwicklungen, die erfolgreich und auch weniger erfolgreich waren. Zu berichten, wie einzelne Ideen erblühten und auch wieder verwelkten. Zu zeigen, wie Entwicklungen, die bis heute anhalten, ihren Anfang nahmen und bis in unsere Zeit fortwirken. Darzustellen, wie die Menschen mit technischen Artefakten umgingen, zu was sie gebraucht wurden und welchen Nutzen sie brachten.

Dieser Beitrag berichtet davon, wie der erste Höchstleistungsrechner, eine CDC 6600 der Firma Control Data, in den sechziger Jahren nach Stuttgart kam. Wer stieß diese Entwicklung an und warum? Welche Möglichkeiten bot solch eine Maschine, die mehr als fünfzigmal schneller war, als alle bis dahin verfügbaren Computer? Für was wurde sie eingesetzt und wie hat man mit ihr gearbeitet?

Aus dem Kaleidoskop des bereits zur damaligen Zeit vielfältigen Anwendungsspektrums werden die Berechnungen zum Entwurf und Bau des Zeltdachs des Stadions für die Olympischen Spiele 1972 in München herausgegriffen. An ihrem Beispiel wird gezeigt, wie sich der Übergang vom Architekturmodell aus Holz und Draht zur Computerberechnung vollzog. Es wird davon berichtet, wie eine Disziplin, das Vermessungswesen, plötzlich eine - im wahrsten Sinnes des Wortes - tragende Rolle bekam und welche Auswirkungen dies auf andere Disziplinen hatte. Dies sind neue Aspekte, die sich in den Darstellungen zur Entstehung des Zeltdachs in München (noch) nicht finden. Die Stuttgarter Höchstleistungsrechner veränderten also auch schon vor über vierzig Jahren die Welt - und nicht nur heute.