Freiheit und Determinismus im Spiegel der Neurowissenschaften

Society & HLRS
Freiheit und Determinismus im Spiegel der Neurowissenschaften

Dr. Philipp Richter / Universität Tübingen

„Keiner kann anders, als er ist. Verschaltungen des Gehirns legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden“, erklärte der Hirnforscher Wolf Singer 2004 in der FAZ. Neuere Experimente aus der Hirnforschung, die von Psychologen und Neurowissenschaftlern öffentlichkeitswirksam vorgetragen wurden, stellten geläufige Vorstellungen über den „freien Willen“ und zahlreiche Konzepte von Handlung, Freiheit und Vernunft der philosophischen Tradition in Frage. In der Tat besteht mindestens seit den Experimenten des Physiologen Benjamin Libet (1916-2007) ein naturwissenschaftlicher Anspruch, so etwas wie Willensfreiheit und rationale Handlungsfreiheit empirisch zu prüfen und ggf. als unhaltbar oder gänzlich illusionär zu erweisen.Die Debatte um Freiheit und Determinismus ist allerdings äußerst komplex, das Ziehen einer einfachen Frontlinie - hier die Philosophen, dort die Deterministen/Hirnforscher - verbietet sich allein schon beim Blick in die Philosophiegeschichte. So erklärt bspw. Immanuel Kant (1724-1804) in der ‚Kritik der reinen Vernunft‘, dass die freie Willkür des Menschen „durch Erfahrung bewiesen werden“ könne, jedoch sei der Streit um die totalen Ideen von Freiheit oder eines absoluten Determinismus weder empirisch noch spekulativ-theoretisch entscheidbar. Kant spricht hier von einer unlösbaren „Antinomie der Vernunft“, die nur praktisch im Sinn eines Perspektiven-Dualismus bewältigt werden kann. Diese Problemformulierung ist in der neueren Diskussion immer noch wirkmächtig, jedoch nicht unwidersprochen geblieben. Die Herausforderung bleibt bestehen, ob und inwiefern sich so etwas wie „Freiheit“ empirisch abbilden, ‚beweisen‘ oder ‚widerlegen‘ lässt.

Hierfür soll es im Vortrag (und der eine Woche später stattfindenden Seminarsitzung), neben einer Einführung in die neuere Diskussion um Willensfreiheit und Determinismus, um eine philosophische Auseinandersetzung mit ausgewählten Experimenten der Hirnforschung gehen, z.B. von Benjamin Libet oder den neueren Versuchen von John-Dylan Haynes oder von Daniel M. Wegner. Welche Negativfolgerungen für die Willensfreiheit und das Selbstverständnis von Menschen erlauben diese Experimente? Was genau können sie begrifflich betrachtet nachweisen und was nicht? Hierfür ist es essentiell, das Begriffsfeld um Willensfreiheit und Determinismus zu klären. Wofür sich u.a. die Rekonstruktion des Arguments in Kants dritter Antinomie in der Kritik der reinen Vernunft anbietet.