Das Human Brain Project: Ein Lehrstück der Forschungsförderung?

Society & HLRS
Das Human Brain Project: Ein Lehrstück der Forschungsförderung?

Dipl.-Pol. Christopher Coenen / ITAS/KIT

Das von der Europäischen Kommission seit 2013 als eines von zwei Flagship Projects (bzw. sog. „Eine-Milliarde-Euro-Projekten) geförderte Human Brain Project (HBP) gewann den Flagship-Wettbewerb mit einem Antrag, in dem das Ziel einer vollständigen Computersimulation des menschlichen Gehirns zentral ist. Schon vorab von Teilen der neurowissenschaftlichen Community kritisiert, geriet das von Henry Markram (École Polytechnique Fédérale de Lausanne, EPFL) geleitete Projekt schnell in erhebliche Schwierigkeiten. Nach einem sehr HBP-kritischen, vielsignierten Offenen Brief aus der neurowissenschaftlichen Community und einer z.T. hitzigen, u.a. in Massenmedien und führenden wissenschaftlichen Zeitschriften geführten Diskussion kam es zu einer Änderung der Leitungsstrukturen des HBP, kurz darauf gefolgt von einer kritischen Zwischenevaluation seitens der Europäischen Kommission und einem ebenfalls kritischen Bericht einer Mediationsgruppe.In der bisherigen Geschichte des HBP finden sich weitreichende interdisziplinäre Ansprüche, aber auch erbitterte Scharmützel zwischen Disziplinen, akademische Meinungsverschiedenheiten über die Ziele der Neurowissenschaften und die Rolle von Computersimulationen, die Mittel in institutionellen Verteilungskämpfe sind, sowie – auch in der Forschungsförderung selbst – ein Wechselspiel von grandiosen Visionen einerseits und Plädoyers für Realismus andererseits. Es lässt sich zeigen, dass die Geschichte des HBP, obwohl es sich um ein – allein schon aufgrund seiner Größe – ungewöhnliches Forschungsprojekt handelt, das Zeug zu einem forschungspolitischen Lehrstück hat.