Auf der Suche nach Kultur im Gehirn: Von den Critical zu den Cultural Neurosciences

Society & HLRS
Auf der Suche nach Kultur im Gehirn: Von den Critical zu den Cultural Neurosciences

Reihe: Bilder in der Medizin

Prof. Dr. Cornelius Borck, Universität zu Lübeck

Die Entwicklung der sogenannten funktionellen Bildgebung als Methode der Hirnforschung hat es möglich gemacht, das Gehirn bei der Arbeit zu beobachten. Weil anfangs dabei psychischen Funktionen wieder ein fester Ort im Gehirn zugewiesen wurde, entstand der Vorwurf, hier würde in modernem Gewand die alte Phrenologie wiederbelebt werden. Aber rasch taten neue Methoden der Datenverarbeitung ungeahnte Optionen auf, psychische, soziale und kulturspezifische Phänomene mit daran beteiligten neurophysiologischen Prozessen in Beziehung zu setzen. Aus den Argumenten der Critical Neurosciences gegen eine Wiederbelebung der überholten Lokalisationslehre ist mittlerweile ein eigener Arbeitszweig hervorgegangen – die Cultural Neurosciences. An diesem Fallbeispiel soll verfolgt werden, wie die Kombination von kultur- und sozialwissenschaftlichen Fragen mit neurophysiologischen Methoden in der Öffentlichkeit wirksam wird – und welche Zurichtungen erforderlich sind, damit Kultur im Hirn sichtbar wird. Die Cultural Neurosciences arbeiten nicht mehr im reduktionistischen Paradigma der Decade of the Brain, aber sie fordern nicht weniger zur Kritik heraus.